Marantz 2275

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Die Marke Marantz hat eine lange und sehr bewegte Geschichte. Erstaunlicherweise umgibt diesen Markennamen bis heute ein ungebrochen guter bis hervorragender Ruf, der mich immer wieder erstaunt, weil er mir einfach nicht wirklich gerechtfertigt vorkommt. Mit diesem Phänomen möchte ich mich heute ein wenig beschäftigen.

Die Marke wurde von Saul Marantz 1953 in der  Nähe von New York gegründet, indem er mehr oder weniger in Handarbeit ganz ausgezeichnete Geräte baute, die sich rasch einen herausragenden Ruf unter den frühen Hifi-Fans erwarben, obschon dieser Begriff seinerzeit noch nicht einmal existierte. Die ersten einhundert Vorverstärker wurden ihm sozusagen aus den Händen gerissen und so entschloss er sich die Produktion industriell in einer Fabrik aufzunehmen. 1954 erschien Model 1 und hatte einen beachtlichen Erfolg – nun ja, es gab schließlich kaum Konkurrenz. Es wurden weitere Modelle gebaut bis Model 10 – ein Tuner -, dann war man finanziell mehr oder weniger am Ende, denn trotz aller Erfolge ist es nicht einfach eine Fabrikproduktion von hochwertigen Geräten aufzubauen – ohne Millionen im Rücken. In der Firma Superscope fand Saul Marantz einen finanzstarken Partner, der jedoch aus der Filmbranche kam. Die Firma Superscope beschloss mit der Standard Radio Corporation in Japan zusammen zu arbeiten, die bis dahin unter dem Produktnamen Teleton mehr oder weniger Erfolg hatten. Die Herstellung aller Marantz-Geräte wurde dann nach Japan verlegt, Vertrieb und Entwicklung blieben zunächst in den USA. In Deutschland hatte die Firma Bolex in München einen entscheidenden Anteil daran, dass die Produkte hierzulande einen so ausgezeichneten Ruf besaßen. Diese Firma erledigte den Vertrieb, zusammen mit Plattenspielern der Marke Thorens – zu sehr hohen Preisen, wodurch die Händler einen ungewöhnlich hohen Verdienst hatten, sehr viel höher als bei anderen Marken. 1967 zog sich Saul Marantz völlig aus dem Geschäft zurück, das Model 18 war das letzte Geräte unter seinem Einfluss. Anfang der 1970er Jahre wurde (übrigens komplett in Japan) eine neue Receiver-Baureihe entwickelt, wobei man von den einfachen „Model“-Bezeichnungen erstmals abwich. Die neuen Reveicer hießen schlicht 2215, 2230, 2245 und 2270. Die erste 2 stand für zwei Geräte in einem (Tuner und Verstärker), die zweite 2 für „zwei mal“ und dann die Leistung pro Kanal. Diese Receiver hatten einen Riesenerfolg und sind bis heute sehr bekannt und verbreitet. Es folgten dann rasch auch andere Geräte wie Verstärker, Tuner, aber auch getrennte Vor- und Endverstärker sowie Lautsprecherboxen.  1975 wurde die Firma Superscope, mittlerweile Haupteigentümer der Standard Radio Corporation, umbenannt in Marantz Corporation und beendete in Deutschland die Zusammenarbeit mit Bolex in München. Statt dessen wurde eine Marantz Deutschland GmbH gegründet in Dreieich (bei Frankfurt), an deren Spitze der Geschäftsführer Siegfried Höhne stand. Er verstand es wie kaum ein anderer, die Fachpresse so zu umgarnen, dass Marantz und seine Produkte immer sehr, sehr gut in den Printmedien dargestellt wurden. Das Programm wurde rasch erweitert auf Plattenspieler, Kassettendecks und weitere Geräte, so dass bald ein großer Vollsortimenter am Hifi-Markt entstanden war, dessen Wachstum sehr rasant bergauf ging, deren Preisgestaltung im Markt aber eher unglücklich verlief. Es wurden also beileibe nicht nur Gewinne verbucht und so geriet Marantz Ende der 1970er Jahre finanziell ins Straucheln. Die riesige Firma Philips aus Holland erwarb große Teile der Firma Marantz in Japan, nicht jedoch die Teile der in Nordamerika verbliebenen Konstruktionsbüros und Vertriebsoraganisationen. Nunmehr gab es etliche Geräte, die baugleich mit Philips- und Marantz-Fronten verkauft wurden, besonders CD-Player – was für Philips der Hauptgrund des Firmenkaufs war, nämlich mit seinen Produkten den japanischen Markt zu erobern. Zehn Jahre später endete auch diese Ära, denn Philips musste sich ebenfalls gesund schrumpfen, da die Gewinne des ständigen Verdrängungswettbewerbs immer schmaler wurden. 1990 erwarb der amerikanische Dynascan-Konzern zuerst Marantz USA und später dann auch Marantz Japan, so waren beide Konzernteile wieder vereint. Im Jahr 2001 war dieser Deal vollendet die Marke war wieder komplett selbständig. Dies hat Saul Marantz aber nicht mehr miterlebt, er starb bereits 1997 und durfte wegen eines Vertrages keinen Einfluss mehr auf seine ehemalige Firma nehmen. Ein Jahr später übernahm eine große japanische Holding (mit US-amerikanischem Geld im Hintergrund) Marantz komplett, zusammen mit dem angeschlagenen, aber sehr renommierten Hersteller Denon und nennt sich seither D & M – auch in Deutschland. Sitz dieser Firma ist Nettetal bei Viersen.

Der immer noch (meines Erachtens überbewertete) hervorragende Ruf der Marantz-Geräte ist bis heute ein Rätsel, geht aber mit Sicherheit auf ein ganz herausragendes Marketing der 1960er und 1970er-Jahre zurück und scheint nicht angreifbar. Bis auf wenige Ausnahmen sind die Geräte der „normalen“ Preisklasse, qualitativ eher untere Mittelklasse – servicetechnisch für den Reparateur bzw. Restaurateur eher eine Katastrophe, weil man so gut wie an nichts heran kommt, schon gar nicht einfach. Da war ich mir mit meinem leider viel zu früh verstorbenen Kollegen Helmut Thomas bekannt als „ruesselschorf“ , mit dem mich eine gewisse Freundschaft verband, absolut einig. Er bestätigte diverse Serviceunzulänglichkeiten, bearbeitete aber dennoch sehr viele Marantz-Geräte, da die Besitzer stets bereit waren, dafür einiges auszugeben. So ging Helmut als „Marantz-Papst“ in die jüngere Geschichte ein – er möge in Frieden ruhen.

Heute soll hier die Rede von einem Receiver aus dem Jahr 1976 sein, dem Nachfolger des bekannten und verbreiteten 2270, der damals 1.998,- DM kostete. Er leistete, nomen est omen, 2 mal 75 Watt sinus an 8 Ohm und wiegt 20,5 kg. Im Gegensatz zu nahezu etlichen anderen Receivern aus dem Hause Marantz ist dieser ziemlich servicefreundlich.

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Nach dem Entfernen von nur vier Schrauben und zwei Steckern (sieht man selten in Marantz Geräten!) hat man den gesamten Endstufenblock in der Hand – so sollte es immer sein.

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Die Endstufentransistoren stammen aus den USA aus dem Hause Motorola, obwohl es in Japan damals durchaus Besseres gab.

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Komplett sieht der 2275 von unten so aus. Oben in der Mitte die Möglichkeiten das Gerät an nahezu jede Spannung anzupassen, rechts und links die Endstufenblöcke unten das Klangregelteil.

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Von oben sieht man in der Mitte den Netztrafo mit den beiden Siebelkos daneben, auf der anderen Seite und davor das Rundfunkteil, hübsch abgeschirmt. Vorne die „berühmt-berüchtigten“ Lampengehäuse aus Kunststoff unter der silbernen Abdeckung. Diese verformen sich leider sehr gerne im Lauf der Jahrzehnte.

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Von aussen die Marantz-typische „Kunstleder-Holz-Optik“ des Gehäusedeckels.

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Die Front wird von dem, ebenfalls Marantz-typischen, Blau der Skala dominiert. Dieses Blau ist meines Erachtens nach die Grundlage aller Faszination für Marantz-Receiver – das Auge hört halt mit!

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Links gibt es die beiden charaktristischen Instrumente des Tunerteils, die gesamte optische Gestaltung geht auf erste Entwürfe von Saul Marantz zurück und macht jeden Marantz-Receiver unverkennbar anders.

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Nur im Rundfunkbetrieb wird der Skalenzeiger indirekt beleuchtet. Auch ein Kennzeichen von Marantz-Receivern: die Stereo-Lampe leuchtet nicht nur bei Stereo-Empfang, sondern auch bei Phono- oder AUX-Betrieb.

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Eine weitere Eigenwilligkeit ist der so genannte „Gyro-Touch-Kreisel“, mit dem die Sender abgestimmt werden. Da das Rad sehr groß ist, kann sehr feinfühlig eingestellt werden.

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Hinten finden sich die üblichen Anschlüsse, wobei es auch hier eine Besonderheit gibt: die üblichen Buchsen „PRE OUT“ und „MAIN IN“ benötigen bei Marantz keine Verbindungsbügel, sondern sind als Schaltbuchsen ausgeführt, die diese Verbindung erst durch Einführen eines Cinch-Steckers auftrennen.

Bis nächste Woche dann!

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