
Das Phänomen tat sich so kund: Nach dem Einschalten begann der Zeiger des Instruments für den rechten Kanal zu zittern bis hin zu riesigen Ausschlägen, was alsbald mit dem Abschalten der Schutzschaltung (Lautsprecherelais) geahndet wurde. Wohlgemerkt: hier war noch gar keine Quelle am Werk, die Endstufe stand nur mit angeschlossenen Lautsprechern auf dem Tisch. Dabei war aus dem rechten Lautsprecher ein ohrenbetäubendes Krachen und Prasseln zu hören.
Um dieser Erscheinung auf den Grund zu gehen, muß man zunächst den Entstehungsort des Geräusches lokalisieren. Meine Erfahrung sagt mir, daß wenn so laute Geräusche ohne Quelle entstehen, dann werden diese Geräusche in der arbeitenden Endstufe verstärkt (sonst wären sie ja nicht so laut!) und müssen daher ziemlich weit "vorne" in der Endstufe entstehen - meist im so genannten Differenzverstärker, also direkt am Eingang. Der Einfachheit halber und, weil es sich bei der P-300 so anbot, nahm ich die beiden Treiberplatinen heraus und tauschte die Kanäle, also die rechte Karte wanderte nach links und umgekehrt.
Oben im Bild links ist eine Platine von vorne zu sehen, die andere von hinten — sie sind aber identisch. Der Fehler wanderte durch das Tauschen der Karten brav nach links, womit meine Vermutung sich bestätigte.
Tücke in der Praxis: zunächst war der Fehler nach dem Tauschen vollständig verschwunden! Und zwar einen ganzen Tag lang, die Endstufe lief von früh bis spät ohne jeden Fehler. Daher nahm ich an, lediglich die Steckverbindungen der Karten seien korrodiert und hätten daher diesen Fehler verursacht. Am nächsten Morgen, wollte ich die Steckverbinder eigentlich reinigen, schaltete aber zuvor die Endstufe nochmals an — und siehe da: Der Fehler war wieder sofort nach dem Einschalten gut hörbar vorhanden, aber auf dem linken Kanal.
Also befindet sich der Fehler auf eben dieser Karte (die im Augenblick im linken Kanal steckt) und der Fehler tritt für gewöhnlich nur im kalten Zustand auf! Meine nächste Vermutung bestand darin, daß es sich um eine oder mehrere kalte Lötstellen handeln müßte - denn der Fehler tritt ja nicht immer auf. Bauteile sind aber in der Regel nicht nur zeitweise defekt. Also beide Karten raus und auf kalte Lötstellen gesichtet. So sahen die dann aus, man bedenke, die sind über 30 Jahre alt. Die P-300 wurde von 1973-1976 hergestellt.
Kalte Lötstellen sind eine sehr häufig auftretende Erscheinung bei allen Geräten und allen Herstellern. Sie verursachen die merkwürdigsten Fehler und sind oft durch Klopfen oder Biegen der Platine vorübergehend zu beseitigen. Es gibt zwei hauptsächliche Ursachen für kalte Lötstellen, entweder war die Temperatur beim Einlöten eines Bauteiles nicht so hoch, daß die gesamte den Bauteil-Anschluß-Draht umgebende Menge Lötzinn durch und durch dünnflüssig war oder das Bauteil war längere Zeit hoher Umgebungstemperatur ausgesetzt, wobei die "Umgbungstemperatur" häufig durch das Bauteil selbst verursacht wird (Leistungs-IC's oder -transistoren). Dann wird das erkaltete Lötzinn wieder leicht dickflüssig und verliert nach und nach den innigen Kontakt zum Anschlußdraht. Unsere englischsprachigen Mitmenschen nennen die kalten Lötstellen übrigens "dry", was der Sache näher kommt, nämlich nicht (wirklich) flüssig.
Erkennen kann man kalte Lötstellen meist an der matten Oberfläche (eine "gute" Lötstelle glänzt) oder an den vulkanartigen Rissen im Lötzinn, rund um den Anschlußdraht. Bei der Suche sind gute Augen, besser eine Lupe oder im Idealfall eine Lupenleuchte äußerst hilfreich.
In dem hier beschriebenen Fall habe ich nicht lange gesucht. Da jede Karte nur rund 150 Lötstellen aufweist, habe ich beide komplett nachgelötet. Das hat ungefähr 20 Minuten Zeit in Anspruch genommen. Das dauert eine intensive Suche auch, die Unsicherheit, ob man nichts übersehen hat, bleibt dann zusätzlich - also besser zu viel als zu wenig gelötet!
Nach dem Wiedereinbau, vorher habe ich sicherheitshalber die Steckverbindungen der Karten gründlich gereinigt (Kontakt WL und Lederstäbchen), liefen beide Kanäle wieder ohne Fehl und Tadel. Jetzt saß die rechte Karte auch wieder rechts! Zunächst habe ich noch Ruhestrom und Offset eingestellt — es ist unglaublich, daß die Trimmerpotentimeter nach über 30 Jahren ohne jedes Kratzen funktionieren!! Da hat Accuphase wirklich Qualität eingebaut! Das Gerät wurde dann mehrmals täglich, nachdem es stundenlang abgeschaltet war, eingeschaltet und nur fünf bis zehn Minuten getestet. Am dritten Tag mußte es nochmals mehrere Stunden absolvieren — und alles ohne Fehler! Dann durfte auch dieses Gerät meine Werkstatt wieder verlassen.
Nun noch ein paar Fotos für Nichtkenner dieser wunderbaren Marke, an der man die Verarbeitungsqualität erkennen kann:
Unten links sieht man eine der (es gibt zwei davon!) Endstufenkühlkörper mit den sechs Endstufentransistoren und den zwei (kleineren) Treibern. Die Endstufe kann nominal 200 Watt an 4 Ohm abgeben, Accuphase gibt an 8 Ohm gar nur 100 Watt an - aber die Endtransistoren können eine Verlustleitung von zusammen 720 Watt (6 mal 120 Watt) verarbeiten - alles pro Kanal! Also das nenne ich mal betriebsicher aufgebaut.
Auch das Netzteil im mittleren Bild kann sich sehen lassen: Die Siebelkos haben echtes Kaffeebecherformat und der Trafo bringt es locker auf 5-6 Kilogramm, natürlich als Ringkernausführung in vergossenem Gehäuse.
Die im rechten Bild sichtbaren Schalter und Relais könnten ohne jede Veränderung auch im Starkstrombereich verwendet werden, grundsolide und völlig überdimensioniert. Das Lautsprecherrelais kann Ströme von 50 A schalten!
Der Kunde zahlte für diese Reparatur nur 123,76 €
In diesem Preis war bereits vierfacher Versand enthalten. Vierfach bedeutet: ein passender Leerkarton zum Kunden (1), Gerät darin zu mir (2), Gerät darin zurück zum Kunden (3), Karton leer zu mir zurück (4)!