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Restaurierung eines Harman/Kardon TA-230

Harman/Kardon Logo Der erste Stereo Receiver der Welt von 1958!
Selten wie eine blaue Mauritius...

 

Das Gerät ist 52 Jahre alt und legt los, als ob das gar nichts wäre. Harman/Kardon brachte diesen TA-230 1958 auf den Markt, nachdem dort vier Jahre zuvor schon der erste Receiver der Welt, das Modell Festival D1000, erschienen war. Dieser war noch mono. Dann kamen die ersten Stereoschallplatten auf den Markt und Harman/Kardon behielt den Namen Festival bei, nannte das neue Modell TA-230 und schon war der erste Stereo-Receiver am Start.

 

Harman/Kardon TA-230   Harman/Kardon TA-230

 

Das Rundfunkteil war noch in mono, ganz einfach, weil es in den USA noch keine Norm gab, in der man die Stereo-Sendungen ausstrahlen wollte. Der TA-230 ist derart vorbereitet, dass der Hersteller den Decoder nachliefern konnte, der dann notwendig war, um in Stereo empfangen zu können. Für den TA-230 hieß der Zusatzdekoder, übrigens unseren heutigen Set-Top-Boxen für den Fernseher in der Anwendung nicht unähnlich, dann ein Jahr später unter der Bezeichnung MX-600 erhältlich war. Man hatte sich in den USA für das Multiplexverfahren (MPX) entschlossen, wie später in Europa auch.

Selbst für die abstruse Idee, einen Kanal auf FM und den anderen zeitgleich auf AM auszustrahlen, war der TA-230 vorbereitet - er kann AM und FM gleichzeitig empfangen! Ähnliches hatte man in den Anfangstagen, übrigens exakt 1958, in Deutschland auch versucht - allerdings beide Kanäle auf FM, nur auf unterschiedlichen Sendern - den linken Kanal auf einem Sender und den rechten Kanal auf einem anderen Sender - so konnte man (natürlich nur als Versuchssendung!) mit zwei Monoempfängern Stereo hören (in Berlin 1958).

Dieser Receiver wurde ausschließlich für den US-Markt gebaut, es gibt ihn daher nur in einer 117V-Version. Nur einige, wenige Exemplare dürften den Weg nach Deutschland gefunden haben. In Deutschland ist mir, außer diesem hier, nur noch ein einziger bekannt, der im "klingenden Museum" in Riedenburg steht (www.radiomuseum.org) und die sind mächtig stolz darauf! In einem Bericht der Fachzeitschrift 'Stereo' spricht man von der Seltenheit der blauen Mauritius, wo es um den TA-230 geht. Wer so ein Gerät besitzt, darf sich sicher sein, dass er auf lange Zeit weit und breit der einzige sein dürfte, der dies behaupten kann. Schön, dass er sich hier präsentieren darf.


Harman/Kardon TA-230   Harman/Kardon TA-230

 

Das Gerät ist natürlich komplett mit Röhren bestückt, insgesamt 20 Stück. Der Verstärker ist für damalige Verhältnisse sehr kräftig mit 2 mal 15 Watt Dauertonleistung an 8 oder 16 Ohm bei nur 0,6% Klirr, bis zu 30 Watt Impulsleistung pro Kanal können abgegeben werden.

Es gibt zwei Phonoeingänge und einen Bandausgang zum Aufnehmen. Die Bandwiedergabe erfolgte über einen der beiden Phonoeingänge, dazu konnte man die Entzerrung auf zwei Kennlinien umschalten, RIAA für Schallplattenwiedergabe, NARTB für Bandwiedergabe.

Es finden sich keine Platinen im Gerät, trotz des extrem hohen Alters funktionierte alles auf Anhieb, lediglich ein paar Verschleißerscheinungen, die beseitigt wurden, und Lämpchen sowie zwei Röhren, die schon schwächelten, mußten ersetzt werden. Alles solide wie eine Burg.

Der FM-Multieingang wurde benutzt um den Zusatzdekoder einzuschleifen. Dazu gibt es hinten Multi- Ein- und Ausgänge im Cinchformat.

Auffallend die kupferfarbene Front, die sich, bis auf einen kleinen Kratzer am Contourschalter, fast makellos präsentiert.

Über vier Jahrzenhnte später gab es aufwändige Minianlagen von Harman/Kardon, die sich Festival 300 und 500 nannten, da hat man sich wohl im Werk an frühe Zeiten erinnert.

 

Harman/Kardon TA-230    Harman/Kardon TA-230    Harman/Kardon TA-230

Auf Kundenwunsch sollte auch ein neues Holzgehäuse ('Woodcase') für diesen extrem seltenen Klassiker gebaut werden, um das Gerät standesgemäß darin unterzubringen. Der Tischler hatte weder Abmesssungen noch Vorlagen, sondern nur das Gerät und diese beiden Fotos, die den Receiver im originalen Gehäuse zeigen:

 

Harman/Kardon TA-230    Harman/Kardon TA-230

Als das Gehäuse fertig war und er es zu uns brachte, betrat er die Werkstatt mit den Worten: "Ich habe ja von den Geräten keine Ahnung, aber der gefällt mir in dem Gehäuse wirklich ganz ausgezeichnet!" und war stolz auf sein Werk - und das darf er auch! Das sieht wirklich hervorragend aus!

Zusammen hatten wir vorher festgelegt, dass hierbei nicht nur die originale Optik getroffen, sondern auch thermisch alles richtig werden sollte. Daher bekam der Boden des Gehäuses neun Löcher zu je 40mm Durchmesser und hinten keine Leiste unter das Gehäuse - somit kann kalte Luft ungehindert von unten einströmen. Aus rein optischen Gründen wurde der Boden mit Holzimitat foliert. Auch die Innenseiten, die man teilweise von hinten sehen kann, wurden ebenso foliert.

 

Harman/Kardon TA-230    Harman/Kardon TA-230    Harman/Kardon TA-230

Oben wurde ein Lochgitter eingepasst, wegen der Kritik bei den ersten Gehäusen nun mittels einer speziellen Nutfräse nur 2mm unterhalb der Oberkante eingelassen. Dort kann die warme Luft, zusätzlich zu der rückseitigen Öffnung, ungehindert ausströmen.

Jetzt im Moment, wo dieser über 50jährige Receiver neben mir steht und Leonhard Cohen per CD wiedergibt und dabei klingt wie ein Gerät neuesten Baujahrs (nur ein wenig weicher und wärmer!), merke ich, dass dies ein guter und wichtiger Gedanke war, denn das Gitter oben hat nach einstündiger Spieldauer schon ganz gute Temperatur, man kann es noch anfassen, aber so um 50 Grad sind es schon!

Als Gehäusematerial wurde diesesmal 17mm Multiplex-Birkenholz mit 12 Lagen (plus Furnier also 13) verwendet, sauteuer - gab es aber gerade günstig als Rest.

 

Harman/Kardon TA-230    Harman/Kardon TA-230    Harman/Kardon TA-230

Vorne wurden die Schrägen exakt nach Vorbild gefertigt und das Gerät exakt eingepasst.

Das ist dem Niko als Fachmann wirklich vorzüglich gelungen, finde ich. So hat der TA-230 am Ende doch noch ein würdiges Häuschen gefunden - möge er noch lange darin wohnen. Er ist mit Sicherheit der am besten erhaltenste TA-230 in Europa (mehr als fünf dürfte es ohnehin nicht geben) - da darf jeder Sammler mehr als stolz darauf sein!

Einer der schönsten und interessantesten Restaurierungen, die ich jemals gemacht habe!

 

Harman/Kardon TA-230    Harman/Kardon TA-230

 

Der Kunde zahlte für diese mit dem Holzgehäuse doch sehr aufwändige Restaurierung nur 413,35 €