Phase Linear - Vorverstärker 3500II und Endstufe 400II

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Bob Carver gründete zusammen mit seinen Partnern Steve Johnston und Jack Goodfellow die Phase Linear Corporation im Jahre 1970 in den USA.  Das erste Gerät, das produziert wurde, war die legendäre Endstufe Model 700, die schnell zu einem Referenzverstärker für Tonstudios, Jazz- und Rockbands und für leistungshungrige Audio-Enthusiasten wurde. Zuvor hatte er noch als Student eine legendäre Wette gewonnen, die die McIntosh Laboratorien öffentlich ausgeschrieben hatten. McIntosh wettete, dass niemand es schaffen könne, einen leistungsstärkeren Verstärker als den größten McIntosh zu bauen. Bob Carver baute einen solchen in einer leeren Kaffeedose und übertraf die Leistung des Mac deutlich, woraufhin er die ausgelobten 1000 Dollar erhielt. Phase Linear war seine erste Firma, welche bereits neun Jahre später vor dem wirtschaftlichen Aus stand und daher von Pioneer in Japan übernommen wurde. Bob Carver gründete kurz zuvor eine neue Firma, die Carver Corp. und gewann wieder atemberaubende Wetten. Carver behauptete gegenüber zwei renommierten Hifi Magazinen, er könne den Klang eines jeden beliebigen Verstärkers, unabhängig dessen Preisklasse, 1:1 kopieren; und zwar mit seinen eigenen Verstärkerschaltungen und zu einem erheblich günstigeren Preis. Als erstes versuchte es die „The Audio Critic“ mit einem Mark Levinson ML-2 . Bob kopierte den Sound tatsächlich („Transfer Function Duplication“) und verkaufte ihn fortan unter Carver M1.5t („t“ für transfer function). 1985 forderte die Stereophile Bob heraus, einen Conrad-Johnson Premier Five innerhalb von 48 Stunden zu kopieren (Damals blieb der Name des ausgewählten Gerätes aus verständlichen Gründen geheim, wurde aber später doch bekannt). Der Conrad-Johnson galt zu dieser Zeit als einer der besten Verstärker überhaupt und kostete ca. 12.000$. Ohne irgendein Meßgerät zu verwenden, also nur nach Gehör, erfüllte Carver die ihm gestellte Aufgabe. Nach 48 Stunden präsentierte er den verblüfften Stereophile-Redakteuren einen klanglich identischen Verstärker im eigenen (und erheblich kostengünstigeren) Design. Wer mehr über diese außergewöhnliche Gegebenheit wissen möchte: www.carveraudio.com liefert den kompletten Artikel aus Stereophile und jede Menge weitere Informationen über Bob Carver und seine herausragenden Ideen und Entwicklungen. 1993 überwarf sich Bob mit dem Vorstand des mittlerweilen börsennotierten Unternehmens und verließ die Carver Corporation. Noch im selben Jahr wurde Sunfire gegründet. Diese Marke existiert noch heute.

Phase Linear ist also eine amerikanische Marke, aber ein Stammkunde hatte das Vor- und Endstufen-Gespann bei ebay erworben und uns spontan mitgebracht. Also haben wir (ausnahmsweise!) mal reingeschaut.

Der Vorverstärker 3500II benötigte nicht viel, um wieder korrekt zu arbeiten, Schalter- und Potikur, ein IC sockeln, welches ein merkwürdiger Zeitgenosse auf Drahtstelzen in die Platine eingebaut hatte, weil ein Anschlussbeinchen abgerissen war – das sah sehr hässlich aus.

Das Platinenmaterial ist aus mit Epoxydharz getränkten Glasfaserplatten gefertigt. Merkwürdig, dass die Platten in einem Gerät in unterschiedlichen Farben und Materialien ausgelegt sind.

So wie der Vorverstärker aussieht, wurde das mehr oder weniger in Handarbeit hergestellt.

Es wurden auch etliche Elkos erneuert, sowie viele Lötstellen nachgearbeitet.

Als größtes Problem erwiesen sich allerdings die im Bild unten erkennbaren Verlängerungen in der Front, die die dahinter liegenden Schalter betätigen.

Drei davon waren gebrochen, da der Kunststoff bereits versprödet ist. Ersatz dafür anzufertigen war ein wenig problematisch, da man kaum an die Achsen heran kommt.

Diese Handskizze zeigt die gebrochene Achse (in der Mitte schwarz gezeichnet), die in einem kleinen Gehäuse untergebracht ist, welches in der Front befestigt ist. Dahinter sitzt eine Druckfeder, die den Knopf ständig nach vorne drückt. Die Achse war bei allen dreien direkt hinter dem Knopf gebrochen. Als Ersatz für die Achsen habe ich kleine Metallnägel verwendet, die in den runden weissen Topf eingeklebt wurden, den ich zuvor ausgebohrt hatte. Den Kopf des Nagels habe ich dann als Klebefläche für den Knopf verwendet, nachdem die Bruchstelle glatt geschliffen wurde. Die Länge des Nagels musste möglichst genau abgelängt werden, damit der Knopf nicht zu weit aus der Front herausragt. Zudem musste ich mehrere Kleber testen, bis der richtige gefunden war. Leider hatte schon zuvor jemand versucht den Mutingknopf zu kleben und dabei leider die Umgebung dieser Taste mit Klebstoff verschmiert, was  sich leider nicht mehr entfernen lässt.

Nachdem alles fertig war, bekam der Phase Linear noch ein neues Netzkabel und durfte sich nun zeigen.

Es gibt zwei übereinander liegende Frontplatten in verschiedenen Farben.

Neben Phono MM und MC, gibt es noch Tuner, Aux und zweimal Tape.

So schauen die beschriebenen Tasten von aussen aus – ganz harmlos. Wer genau hinschaut kann noch die Kleberreste an der Mutingtaste entdecken.

Einen (semi) parametrischen Equalizer für Bässe, Mitten und höhen findet man in der Mitte des 3500II. Rechts nur Balance und Volume, sowie die Power-Taste.

Hinten gibt es zwei Vorverstärkerausgänge, eine Schnittstelle zum Einschleifen, sowie die genannten Eingangsbuchsen, zusätzlich findet sich noch ein Schalter für Zusatzkapazitäten am Phonoeingang.

Ich befürchte diese Geräte waren sehr teuer, da die ins High-End-Segment eingeordnet wurden, obschon die Machart dies eigentlich nicht rechtfertigt.

Dazu gab es eine Endstufe Modell 400II, die nach den Unterlagen zweimal 200 Watt sinus an 8 Ohm leistet. Dafür sind Netzteil und Trafo unglaublich klein, so dass man das kaum glauben mag. Aber genau das kennt man von Bob Carver so. Die Tiefe ohne Kühlköper beträgt rund 10 Zentimeter.

Die beiden Platinen hinter der Front beherbergen lediglich die Power-Meter.

Die eigentliche Endstufe ist das hier – unglaublich oder? Leider ist die Endstufe, wie so häufig bei Carver-Produkten, komplett abgebrannt, weshalb wir da (außer einem neuen Netzkabel montiert, da der Verkäufer selbiges schon in weiser Voraussicht vor dem Verkauf abgeschnitten hatte, wohl um ein Testen zu vermeiden) nichts daran gemacht haben. Laut Service Manual dürfen dort MJ15023 und MJ15024 eingebaut werden. Wir reparieren aber so etwas nicht, wir restaurieren halt nur.

Dies sind die Siebelkos, auch erstaunlich klein.

Von vorne das gleiche Design, man rechnet auf keinen Fall mit der geringen Tiefe.

Die Power-Anzeigen mit Pegelstellern – mehr Bedienelemente gibt es nicht. Nicht einmal einen Ein-/Ausschalter.

Hinten gibt es Cinchbuchsen für den Eingang und Bananenbuchsen für die Lautsprecher. Ebenfalls sehr übersichtlich.

Insgesamt bestärkt mich diese Erfahrung darin, japanische Produkte zu mögen. Diese sind bedeutend besser durchdacht und ausgeführt. Die amerikanischen Produkte sind da erheblich lässiger und schlampiger gefertigt – aber das ist bei Autos ja auch so.

2 Kommentare für “Phase Linear - Vorverstärker 3500II und Endstufe 400II

  1. Servus Armin..😉
    Wie immer, ein sehr interessanter Bericht👍
    Mich irritiert jedoch diese Aussage von Dir ein wenig..
    Zitat: “wir reparieren aber so etwas nicht, wir restaurieren halt nur“…
    Mmhh… gehörte reparieren nicht auch bisher zu Eurer Dienstleistung
    der Restauration dazu?

    Antwort siehe weiter unten. Beste Grüße Armin

  2. Wie schon mein Vorredner schrieb – sehr interessant.
    Aber die oben genannte Aussage irritiert auch mich.
    Wo ist denn nun der Unterschied zwischen „reparieren“ und „restaurieren“? Denn man liest ja hier in div. Berichten von div. ausgewechselten Bauteilen und Einstellarbeiten.
    Ausserdem beschäftigt mich, was es mit dem „Klang kopieren“ des Herrn Carver auf sich hat. In meiner Welt zeichnen sich sehr gute Verstärker dadurch aus, daß sie (abgesehen von Röhrenverstärkern) nichts nennenswert Individuelles zur Wiedergabe beitragen. Grüße aus Berlin

    Die Wette mit dem „Klang kopieren“ wurden seinerzeit von us-amerikanischen Hifi-Zeitschriften abgeschlossen, die haben das dann beurteilt. Wir möchten uns an Klangdiskussionen nicht beteiligen, obschon wir diese Unterschiede durchaus bemerken.
    Der Unterschied zwischen reparieren und restaurieren ist einfach: wir nehmen im Prinzip funktionierende Geräte zur Restauration an und versetzen sie möglichst wieder in Neuzustand. Völlig abgebrannte Endstufen sind jedoch nicht unser Arbeitsgebiet. Der Auftraggeber wusste dies jedoch nicht, zudem war ja auch das Netzkabel abgeschnitten – wie es einem bei ebay-Käufen so gehen kann!
    Beste Grüße Armin

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